Zum Nachdenken

Wozu den Kreuzweg beten?

Der christliche Brauch, den Weg nachzugehen, den Jesus von seiner Verurteilung bis zu seiner grausamen Hinrichtung gegangen ist, stammt aus Israel. Dort ist man den – so weit man weiß – wirklichen Kreuzweg nachgegangen. Die Franziskaner, die sich immer bemüht haben, einfache Andachtsformen für die Menschen zu finden, brachten den Brauch nach Europa.

Heute beten wir vierzehn Stationen, aber das hat sich erst mit der Zeit so entwickelt. Da das Zweite Vatikanische Konzil betont, dass das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu zusammengehören, haben heute viele Kreuzwege eine fünfzehnte, eine „Auferstehungsstation“. In letzter Zeit gibt es auch immer stärker den Brauch, in der Osterzeit die Ereignisse nach der Auferstehung als so genannten „Lichtweg“ weiter zu beten.

Auch heute bleibt das Beten des Kreuzweges eine tiefgründige Form, uns an den zu erinnern, der nicht nur sein Kreuz getragen hat, sondern vor allem unseres.

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... zum Tode verurteilt

SCHRIFTLESUNG
Denn sie haben mir ohne Grund ein Netz gelegt, mir ohne Grund eine Grube gegraben. Da treten ruchlose Zeugen auf. Man wirft mir Dinge vor, von denen ich nichts weiß. (Ps 35, 7, 11)
Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen? Jesus aber schwieg. (Mt, 26, 62)

BETRACHTUNG
… und tat seinen Mund nicht auf.

  • Er schweigt. Schweigt in allen, die ohne ordentliches Gericht, ohne Chance auf Verteidigung, ohne Gnade und Barmherzigkeit zum Tode verurteilt werden.
  • Unschuldige und Verbrecher.
  • Frauen, Männer, Kinder, Greise.
  • Schweigt im stummen Schrei der abgetriebenen Kinder.
  • Schweigt im stummen Schrei der abgeschobenen, der durch Einsamkeit getöteten Alten.
  • Schweigt in den Todeszellen, den Hinrichtungsstätten überall auf der Welt.

Warum tun wir unseren Mund nicht für ihn auf?

GEBET
Wenn wir verkannt und misshandelt werden, Herr, dann gib uns die innere Gelassenheit und das Selbstvertrauen, welche dein Sohn angesichts der ungerechten Behandlung bewiesen hat.
Bewahre uns vor einer aggressiven Antwort, die deinem Geist widerspricht.
Im Gegenteil, hilf uns, dein mächtiges Wort der Vergebung in Situationen der Spannung und Angst hinzutragen, damit es seine dynamische Kraft offenbare.

... fällt unter dem Kreuz

SCHRIFTLESUNG
Doch als ich stürzte, lachten sie und taten sich zusammen. Sie taten sich gegen mich zusammen wie Fremde, die ich nicht kenne. Sie hören nicht auf, mich zu schmähen; sie verhöhnen und verspotten mich, knirschen gegen mich mit den Zähnen. Herr, wie lange noch wirst du das ansehn? (Ps 35, 15-17)

BETRACHTUNG

  • Wegschauen. Da liegt schon wieder einer. Da, in der Passage, auf dem Weg zur U-Bahn. Dort auf der Bank im Park.
  • Wegschauen. Geschieht ihm recht. Immer diese Drogensüchtigen, Säufer, Faulpelze, Versager! Ein Ärgernis für jeden braven Bürger. Auswurf der Gesellschaft.
  • Liegen hier herum und verunstalten unsere heile Welt! Was für ein Mensch!
  • Ein Mensch.
  • Liegt da nicht – du musst nur genau hinsehen – ein schwerer, dicker Balken auf seinen Schultern?

Ist er nicht unter seinem Kreuz zusammengebrochen?

GEBET
Gottes „Weltzuwendung“ ist zu seinem Kreuz geworden. Das gilt bis zum heutigen Tag. Sich auf die Seite der Armen und Ausgestoßenen zu stellen, bedeutet auch heute Hass und Rache der Reichen und Satten auf sich zu ziehen. Gottesbeziehung im Sinne des Evangeliums ist nicht möglich, ohne den Nächsten bis hin zum Geringsten der Brüder und Schwestern zu lieben.
Jeder und jede von uns ist eingeladen, sich zu fragen: Versuche ich, den Auftrag des Herrn in seiner Nachfolge mit Leben zu füllen?

FÜRBITTEN

  • Herr, gib uns Augen die sehen und den Mut, uns nicht abzuwenden, wenn wir Menschen in Not sehen. Nicht richten sollen wir, sondern helfen.
    A: Herr, erbarme dich!
  • Herr, wir bitten für alle, die sich von Profitgier und Konsumzwängen treiben lassen. Bewege ihre Herzen zur Umkehr, damit sie den Sinn des Lebens neu sehen lernen.
    A: Herr, erbarme dich!

... an das Kreuz genagelt


SCHRIFTLESUNG
Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. (Lk 23, 33-35)

BETRACHTUNG

  • Festgenagelt.
  • Wir oft schon haben wir einen festgenagelt. Auf ein Vorurteil, ein Klischee.
  • Der ist faul, dumm, ein Versager, böswillig, unzuverlässig, zu nichts zu gebrauchen. Jener sucht nur seinen eigenen Vorteil.
  • Der hat schon einmal … Jener dies, jener das …
  • Festgenagelt – so einer wird dann irgendwann genau so, wie wir ihn sehen wollten.
  • Festgenagelt – dann kann ein Gefallener auch nicht wieder aufstehen.
  • Festgenagelt – dann kann der Haftentlassene nicht als anständiger Bürger Fuß fassen.
  • Festgenagelt – dann kommt der Süchtige nicht mehr aus diesem Teufelskreis heraus.

Legen wir doch endlich die Hämmer aus den Händen!

GEBET
Herr, wenn die Wolken sich am Horizont zusammenziehen und alles verloren scheint, wenn wir keinen Freund finden, der uns zur Seite steht und uns die Hoffnung aus den Händen gleitet, dann lehre uns, auf dich zu vertrauen.
Möge die Erfahrung der Dunkelheit uns die große Wahrheit lehren, dass in dir nichts verloren ist.

FÜRBITTEN

  • Herr, hilf uns, immer ein waches Bewusstsein für unser Reden und Handeln zu bewahren, damit wir nicht andere durch unsere Vorurteile vernichten.
    A: Herr, erbarme dich!
  • Herr, oft droht uns die Last des Lebens für immer niederzudrücken. Hilf uns, trotzdem immer wieder aufzustehen und weiterzugehen.
    A: Herr, erbarme dich!

 

... stirbt am Kreuz


SCHRIFTLESUNG
Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.
Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus. (Lk 23, 46)

BETRACHTUNG

  • Entsprang dein letzter Schrei, Herr, deiner Qual?
  • Oder war er, wie manche meinen, Freudenschrei?
  • „Es ist vollbracht!“ Geschafft das Erlösungswerk.
  • Jesus stirbt, und durch die Schöpfung geht ein gewaltiger Aufruhr. Die Erde bebt, das Licht erlischt. Und die Toten stehen auf.
  • Sich abstoßen von der Erde. Flügelweit die Arme breiten und hinausfliegen aus all dem Furchtbaren …
  • Wohl manchmal ein Gedanke der lockt.

Doch erst muss es vollbracht sein, was uns aufgetragen ist.

GEBET
Herr, du hast einen Gesamtplan, der dem Wirken des Universums und dem Verlauf der Geschichte zugrunde liegt.
Mach alle, die verbissen, bitter und zynisch sind, gütig und öffne ihnen wieder die Augen für das Gute, das den Menschen möglich ist.
Verleihe unserer inneren Entschlossenheit Stabilität. Hilf uns, jedes gute Werk, das wir begonnen haben, erfolgreich zu Ende zu führen.

FÜRBITTEN

  • Schenke uns, Herr, die Ausdauer, deinen Auftrag in diesem Leben zu erfüllen, so gut wir vermögen und stehe uns in unserer Todesstunde bei.
    A: Herr, erbarme dich!
  • Herr, wir bitten, dass wir in unserer Zeit besser mit unserer Sterblichkeit umzugehen lernen und den Tod nicht verdrängen.
    A: Herr, erbarme dich!

... ins Grab gelegt

SCHRIFTLESUNG
Josef Arimathäa kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes. (Mk 15, 46)

BETRACHTUNG

  • Eine seltsame Mischung aus Trauer und Erleichterung erfüllt uns beim Anblick des Grabes.
  • Erleichterung: das Leid ist vorüber.
  • Trauer: doch nun kommt die Leere.
  • Die letzte Ehre noch erwiesen. Den Leichnam gesalbt und die furchtbaren Wunden verborgen in reinen Tüchern. Ihn legen auf steinernen Grabplatz, zurück in den Schoß der Erde.
  • Erde zu Erde.
    Asche zu Asche.
    Staub zu Staub.
  • Immer wieder auch für uns dieser schreckliche und doch tröstliche Augenblick, wenn ein Sarg in die Geborgenheit der Erde sinkt.
    Erde zu Erde.
  • Doch durch dich wissen wir: Dies ist nicht das Ende.

Eines fehlt in der Aufzählung noch: Geist zu Geist

GEBET
Herr, mach uns fähig, eine Ahnung von unserer letzten Bestimmung zu bekommen. Und wenn wir schließlich hinübergehen, werden wir erkennen: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Die Nacht führt in das Licht des Ostermorgens.
Dies ist die gute Nachricht, die wir „auf alle mögliche Weise“ verkünden wollen.

FÜRBITTEN
So wie du, Herr, begraben wurdest, werden auch wir unseren Leib der Erde anvertrauen müssen. Stärke alle, die Trauer um einen geliebten Menschen tragen.
A: Herr, erbarme dich!

Herr, sei du uns nahe, wenn die Finsternis der Welt überhandnimmt und lass uns an den Sieg des Lichtes und Lebens durch deine Auferstehung glauben.
A: Herr, erbarme dich!

Quellen:
Kreuzweg im Kolosseum, Menamparampil T., Erzbischof von Guwahati
Kreuzwegmeditation, Referat für Liturgie der Diözese Eisenstadt